MCD-Teilleistungsstörung

Kognitive Teilleistungsstörungen, bzw. Minimale Cerebrale Dysfunktion, MCD

Berufliche oder soziale Teilhabestörungen von Patienten erklären sich immer wieder über sog. „Teilleistungsstörungen“. Darunter werden mehr oder weniger isolierte Leistungsminderungen in elementaren psychischen Funktionen verstanden, die erforderlich sind, um höhere, komplexere Funktionen, wie z.B. Sprache oder Sozialverhalten aufzubauen und auszudifferenzieren. Es gibt kognitive (z.B. Lese-Rechtschreibschwäche, Dyskalkulie, Aufmerksamkeitsstörungen), motorische (z.B. Dysgraphie, Hyperaktivität), vegetative (z.B. psychovegetative Labilität) und emotionale (z.B. Impulsivität, Reizbarkeit) Teilleistungsstörungen. Von besonderer Bedeutung bei der Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen sind die letztgenannten emotionalen Teilleistungsstörungen, die Störungen der Affektadäquatheit, Affektintensität, Affektstabilität und Affektauslenkbarkeit umfassen. Derartige Teilleistungsstörungen sind als „Fähigkeiten (capacity)“ auch in der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) aufgelistet. In der wissenschaftlichen und klinischen Literatur wird syndromal auch von „Minimaler Cerebraler Dysfunktion, MCD“ gesprochen. Inzwischen gibt es Konzepte, die auch die eigentlichen Persönlichkeitsstörungen nach ICD-10 insgesamt als Ausdruck bzw. Folge einer emotionalen Teilleistungsstörung fassen und in Anlehnung an das MCD-Konzept als „Minimale Emotionale Dysfunktion, MED“ beschreiben.

 

Aus dem MCD/MED-Konzept bzw. dem Modell der Teilleistungsstörungen lassen sich konkrete Behandlungsmaßnahmen ableiten. Dazu gehört die diagnostische Eingrenzung der Teilleistungsstörung, was eine Voraussetzung dafür ist, dass der Betroffene einen Ansatz erhält, um konkret am Problem zu arbeiten. Dies schließt ein, die Teilleistungsstörung bzw. Persönlichkeitsstörung als „Behinderung“ zu verstehen. Aus der detaillierten Diagnose und Eingrenzung der Art und Bedeutung der Teilleistungsstörung sind dann gezielte rehabilitative Maßnahmen abzuleiten. Dies kann in Anlehnung an das SOK-Modell der „Selektion, Optimierung und Kompensation“ geschehen. Hierbei spielt z.B. die Ergotherapie eine wichtige Rolle, die Behandlungsangebote vorhält zur Kompensation solcher Teilleistungsstörungen bzw. „Handicaps“.

 

Des Weiteren stellt sich auch in der sozialmedizinischen Beurteilung von Patienten immer das Problem des intelligenzabhängigen Leistungsniveaus und kognitiver Leistungsdefizite. Dazu gehört auch, dass es unter differentialdiagnostischen Gesichtspunkten bei vielen Patienten krankheitsabhängige kognitive globale Leistungsdefizite oder kognitive Teilleistungsstörungen gibt. Zur Untersuchung kognitiver Leistungen und Leistungsdefizite wurden mit Patienten in psychosomatischer Rehabilitation Reihenuntersuchungen mittels der Intelligenz-Struktur-Analyse untersucht, die als Hauptdimensionen die verbalen Intelligenzfunktionen, numerischen Intelligenzfunktionen, das figural-räumliche Vorstellungsvermögen und die Merkfähigkeit prüft. Die Patienten wiesen im Mittel unterdurchschnittliche Intelligenzwerte auf, was als Problem der Normwerte interpretiert wurde. Es fanden sich erwartungskonform signifikante Unterschiede in Abhängigkeit von Bildung, Geschlecht und Alter. Es fanden sich desweiteren signifikante Zusammenhänge mit der Symptomausprägung auf der SCL-90 sowie der Dimension Bedeutsamkeit der Arbeit des AVEM. Die gemessenen Leistungswerte ergeben auch wichtige Hinweise auf das Leistungsverhalten der Probanden.

 

Unter Rückgriff auf langjährige Vorarbeiten wurde in mehreren Untersuchungen die MCD-Skala einer klinischen Überprüfung und Revision unterzogen. Es fand sich eine dreifaktorielle Struktur die die klassischen Hauptdimensionen des leichten organischen Psychosyndroms widerspiegeln, d.h. kognitive, vegetative und motorische Störungen. Es fand sich theoriegemäß eine Korrelation mit einer ADHS-Skala (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Skala). Patienten mit einem erhöhten MCD-Wert litten unter unterschiedlichen psychischen Erkrankungen, zeigten jedoch deutlich längere und komplexere Krankheitsverläufe und vor allem sehr viel mehr sozialmedizinischen Beeinträchtigungen. Nach Erweiterung des Itemspektrums werden jetzt Orientierung, Mnestik, Kognitionen und Denken, vegetative Labilität, Emotionen, Motorik, Aufmerksamkeit und Antrieb abgefragt.

 

 

Emotionale Teilleistungsstörungen bzw. Minimale Emotionale Dysfunktionen, MED

Unter Bezug auf das Modell der Teilleistungsstörungen wurden insbesondere emotionale Teilleistungsstörungen (Minimale Emotionale Dysfunktionen, MED) bei Persönlichkeitsstörungen näher untersucht. Alle Persönlichkeitsstörungen lassen sich als isolierte emotionale Teilleistungsstörungen beschreiben und verstehen. Die mit Persönlichkeitsstörungen einhergehenden Interaktions- und Anpassungsstörungen lassen sich über einen dysfunktionalen „First Impression“ Effekt erklären. Die primäre Affektstörung führt zu interaktionellen Missverständnissen mit der Folge von Interaktionsstörungen, regelmäßigen Anpassungsstörungen und schließlich auch der Ausbildung dysfunktionaler Kognitionen.

 

Im nächsten Schritt wurde das „bipolare MED-Rating“ entwickelt, ein Instrument, das ermöglichen soll die First-Impression eines Menschen zu beschreiben. In weiteren Studien werden damit erste Erprobungen im klinischen Rahmen durchgeführt.

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